Die Gruppenkommunikation frühschwerhöriger Menschen

Chancen und Möglichkeiten am Beispiel der Bundesjugend im DSB e.V.

Die Autoren sind Mitarbeiter im Vorstand der Bundesjugend im Deutschen Schwerhörigenbund e.V und selbst frühschwerhörig (an Taubheit grenzend schwerhörig). In unserem Beitrag möchten wir die Spätfolgen der von Dr. Paul Heeg beschriebenen Mängel bzw. Fehlentwicklungen in der schulischen Gruppenkommunikation auf die sprachgebundene Alltagskommunikation am Beispiel unserer Erfahrungen in der Verbandsarbeit mit frühschwerhörigen Menschen aufzeigen. Ein Blick auf die historische Entwicklung der Bundesjugend soll verdeutlichen, wie eine gestörte Kommunikation im Alltag und eine fehlende interne Gruppenkommunikation die Verbandsarbeit in eine Krise stürzte, auf deren Höhepunkt eine Wende eingeleitet wurde, die wiederum eine überraschende Entwicklung zur Folge hatte. Eine Entwicklung,

  • in deren Verlauf die Auseinandersetzung mit der Hörbehinderung im besonderen und der behinderten Kommunikation im allgemeinen unter den Mitgliedern zu einer späten und mitunter erstaunlichen Persönlichkeitsentwicklung führte und
  • die von der Suche nach optimalen Kommunikationsformen geprägt war, die erfolgreich in die Verbands- und Seminararbeit eingeflossen sind.

Zunächst eine einleitende Beschreibung der Bundesjugend: Sie ist ein Interessenverband für frühschwerhörige Menschen im Alter zwischen 0 - 35 Jahren. Der größte Teil der Mitglieder ist seit Geburt oder seit früher Kindheit schwerhörig und sind/waren Schüler von Schwerhörigenschulen. Die meisten absolvieren eine Berufsausbildung oder stehen im Beruf. Der Grad der Gehörschädigung reicht von der leichten bis zur an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit bzw. Resthörigkeit. Die Sprechfähigkeit, das Sprachwissen und das Sprachverständnis sind je nach Zeitpunkt der Entdeckung der Hörbehinderung, des Gehörschädigungsgrades sowie der erfolgten individuellen und schulischen Fördermaßnahmen recht unterschiedlich.

Historische Entwicklung der Bundesjugend unter dem Aspekt von Behinderung und Kommunikation

Die Bundesjugend wurde 1958 als ein Zusammenschluß der Jugendgruppen in den Ortsvereinen des Deutschen Schwerhörigen-bundes (DSB) gegründet. Die örtliche Schwerhörigen-Jugendarbeit hatte ihren Ursprung in dem Bedürfnis, schwerhörigen jungen Menschen auch nach der Schulentlassung die Kontakte mit Gleichbetroffenen zu ermöglichen. Im Verlauf der sporadischen Kontakte der Jugendgruppen untereinander entstand der Wunsch nach einer zentralen Koordinationsstelle.

Es ist davon auszugehen, daß die Jugendarbeit in den ersten zwei Jahrzehnten ihres Bestehens im wesentlichen darauf ausgerichtet war, durch rein kulturelle und sportliche Angebote den Mitgliedern einen Schon- oder Schutzraum zu schaffen: Ein Ort, der ihnen Rückzugsmöglichkeiten und Erholungspause von den kommunikativen Frustationen des Alltags und den beruflichen Anstrengungen bot. Von älteren Frühschwerhörigen wissen wir, daß sie den kommunikativen Anforderungen im Lebensalltag größtenteils nicht gewachsen waren und die Einsamkeit in den vier Wänden der Isolation in der Gesellschaft der Guthörenden vorgezogen haben, oder eben Zuflucht in der Jugendgruppe fanden. Das Bedürfnis nach Ausgleich, Abschalten, Verdrängen war jedoch vordergründig, die Behinderung und ihre Folgen auf die Kommunikation war eine Auseinandersetzung nicht wert. Die Jugendarbeit richtete sich folglich an der Erwartungshaltung der Mitglieder aus, die Voraussetzungen für das primäre Bedürfnis nach vielfältiger Freizeitgestaltung zu organisieren und durchzuführen. Eine Parallele zur Schwerhörigenschule läßt sich ziehen: Wie auch dort war die Behinderung und ihre unmittelbaren Folgen für die Betroffenen kein Unterrichtsgegenstand, und wie die Institution Schwerhörigenschule bildete die Jugendgruppe gleichsam eine Schutzzone in der Welt der Guthörenden.

Auch in den siebziger Jahren fand ein Angebot in Form der "Hilfe zur Selbsthilfe" in der konzeptionellen Arbeit der Bundesjugend keinen Platz. Die Bundesjugendleitung, das Vorstandsgremium, bemühte sich im Rahmen der Arbeitstagungen und der alle zwei Jahre stattfindenden, einwöchigen Bundesjugendschulungstreffen durch Fachvorträge zu aktuellen Problemen und Fragestellungen sowie Bildung von Arbeitskreisen den Jugendgruppenmitarbeitern Anregungen und der örtlichen Jugendarbeit Hilfestellung zu geben, ohne jedoch entscheidende Akzente setzen zu können. Im Gegenteil: Die Jugendarbeit, die sich weiterhin auf rein kulturelle Angebote (Bastel-, Tanzkurse, Filmabende) und Freizeitmaßnahmen (Discoabende, Spielnachmittage, Auflüge) beschränkte, wurde im Laufe der siebziger Jahre vom Sport allmählich in den Hintergrund gedrängt. Bis Ende der 80er Jahre bestand die "Jugendarbeit" z.T. zu weit über 50 % aus sportlichen Aktivitäten.

Sicherlich gab es Angebote, die sich thematisch mit der Hörbehinderung auseinandersetzten, aber sie waren inhaltlich unverbindlich, d.h. sie hatten eher einen mehr informativen Charakter und gingen wenig in die Tiefe. In der thematischen Abfolge fehlte der rote Faden. Trotzdem war die Beteiligung der Mitarbeiter der Jugendgruppen an den Arbeitstagungen der Bundesjugend relativ gut. An den Tagesordnungspunkten kann dies - wie dargelegt - nicht gelegen haben, vielmehr schien die geringe Eigenbeteiligung der Teilnehmer aufgrund der Zuschüsse und das attraktive Rahmenprogramm (Ausflüge, Festveranstaltungen) ausschlaggebend für die rege Teilnahme gewesen zu sein. Denn die Resonanz auf die von Arbeitskreisen erstellten Diskussionspapiere und Forderungskataloge war praktisch gleich Null. Weder auf die Ergebnisse noch auf die Folgen für die Arbeit der Bundesjugendleitung und der Jugendgruppen erfolgten Nachfragen, konkrete Forderungen, konstruktive Kritik und/oder Bereitschaft zur Mitarbeit. Gelegenheiten zu einer kritischen Analyse und Reflektion der Lebenssituation schwerhöriger junger Menschen und deren kommunikativen Bedürfnisse, um die zu berücksichtigenden Konsequenzen in die Jugendarbeit einfließen zu lassen, gab es genügend.

Der unaufhaltsame Trend zum Sport hat durchaus einen kommunikativen Hintergrund: Alle Mannschaftsportarten ermöglichen das Gemeinschaftserlebnis ohne besondere Anforderungen an die sprachgebundene Kommunikation. Durch die festgelegten Spielregeln hat jeder eine klare Orientierung für das Zusammenspiel. Der Erfolg suggeriert den Beteiligten harmonisches Miteinander, dieses seltene Gefühl des Zusammengehörens wiederum läßt die Disharmonie des Alltages für einige Augenblicke vergessen. Der Sport wurde so zum zentralen Mittelpunkt der Jugendarbeit, nicht die Kommunikation. Die Schwerhörigkeit selbst bzw. die Auseinandersetzung mit ihr war dadurch erst recht nicht mehr notwendig, auch wenn sich der Alltag außerhalb der Jugendgruppe sogleich wieder mit seiner gewohnten Problemkonstellation stellte. Man hatte sich mangels potentieller Alternativen einfach daran gewohnt; die Schwerhörigkeit war und blieb so etwas wie ein Tabu.

Die massive Verdrängung der Jugendarbeit durch den Sport eskalierte 1988 zu einer handfesten Krise der Bundesjugend, in deren Verlauf die Jugendgruppen, die sich fast ausschließlich im Sport engagierten, die Auflösung der Bundesjugend und die Gründung eines Sportverbandes - ähnlich dem Deutschen Gehörlosensportverband - für die beste Lösung hielten. Dies konnte einigen wenigen Aufrechten nicht davon abhalten, im Rahmen eines Krisentreffens die Bildung von Arbeitsgruppen zur Beilegung der Krise anzuregen. Sie sollten sich selbstkritisch-analytisch mit den Ursachen der Krise und pragmatisch-konstruktiv mit den Chancen zu ihrer Bewältigung auseinandersetzen, um in Form eines neuen Konzeptes den Bestand der Bundesjugend zu sichern.

Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen waren so eindeutig und mutmachend, daß eine neue Bundesjugendleitung gewählt und beauftragt wurde, diese Ergebnisse zu einem Konzept zusammenzufassen und in die Praxis umzusetzen.

Ein wichtiger Grundpfeiler dieses Konzeptes war die Einrichtung von mehrmals im Jahr stattfindenden Wochenendseminaren mit dem Ziel, die Jugendarbeit vor Ort in Form von "Hilfe zur Selbsthilfe" zu ermöglichen bzw. zu forcieren.