Grenzen und Möglichkeiten der Schwerhörigkeit in der Kommunikation
Das eingeschränkte Hören kann beim Schwerhörigen auch durch eine optimale Hörgeräteversorgung nie kompensiert werden. Die Schwerhörigkeit bewirkt auf dem akustische Kanal eine bleibende Störung, die das Sprachverstehen mehr oder weniger beeinträchtigt. So wie der blinde Mensch primär das Gehör als Kompensationsinstrument benutzt, versucht der schwerhörige Mensch mit Hilfe des visuellen Kanals sein Verstehproblem auszugleichen.
Jeder Schwerhörige wendet daher mehr oder weniger bewußt zum Verstehen von Sprache die Hörtaktik (Müller, 1992) an. Die Hörtaktik enthält alle in der Person des Betroffenen liegenden Mittel, mit deren Hilfe er die akustischen und visuellen Informationen aufnehmen, kombinieren und verarbeiten kann. Die Hörtaktik besteht aus fünf Komponenten:
- das Resthörvermögen (mit Hörgerät und Zusatzgeräten)
- das Mundabsehen
- die Deutung von Mimik und Gestik (Körpersprache) sowie
- das Ausnutzen der individuellen Denk- und
- Kombinationsfähigkeit.
Wie Bausteine werden die einzelnen Teile durch planmäßiges Vorgehen zu einem Ganzen - dem Sprachverstehen - zusammengefügt. Wenn wir die einzelnen Elemente der Hörtaktik genauer betrachten, wird deutlich, daß jedes Teil störanfällig oder beeinträchtigt sein kann und somit der Weg zum Sprachverstehen mit zahlreichen Hürden versehen ist:
Restgehör:
- Mißverstehen durch Hörfehler (z.B. bei ähnlich- oder gleichklingenden Wörtern)
- Umwelt- und Störgeräusche
- falsche Hörgeräteanpassung (z.B. Hochtongerät bei Tieftonschwerhörigkeit)
- niedrige Schmerzschwelle (Lautstärke begrenzt)
- kein Hörtraining
Mundabsehen:
- anfällig für Mißdeutungen (Wörter mit gleichem oder ähnlichem Mundbild)
- Begrenztheit (maximal 30 % der Buchstaben sind absehbar)
- schlechtes Mundbild
- nur unzureichend oder zu spät erlernt
Körpersprachliche Deutung:
- Mehrdeutigkeit von Ausdrucks- und Verhaltensweisen
- wird vom Betroffenen nicht bewußt angewendet (z.B. klärt er nicht den Widerspruch zwischen Körpersprache und Aussage durch Nachfragen)
Denkfähigkeit:
- abhängig von der Sprachentwicklung, vom Wortschatz
- Kontaktintensität (z.B. wenig Kontakte - weniger Sprachentwicklungsmöglickeiten/kaum Wortschatzerweiterung)
Kombinationsfähigkeit:
- abhängig von Intelligenz
- Kontaktintensität (Trainingsmöglichkeiten)
Hörtaktik ist somit ein sehr komplexer und anstrengender Vorgang, der vom Hörbehinderten eine enorme Konzentration in der Kommunikation und ein hohes Maß an geistiger Verarbeitung erfordert. Sie ist zwar eine Brücke, die jedoch nur bei fairer und in allen Regeln klarer Gesprächsführung nutzbar ist. Sie garantiert bzw. sichert nicht das Sprachverstehen, weil sie in einer Gesprächssituation von verschiedenen kommunikativen Bedingungen abhängig ist, die in den meisten Fällen den Erfolg der Hörtaktik erheblich beeinträchtigen oder gar unmöglich machen.
Das hat zur Folge, daß eigentlich jeder Schwerhörige ungünstige Gesprächssituationen sofort erkennen und moderierend so vorgehen muß, daß er auf Störfaktoren und ungünstige Bedingungen Einfluß nimmt, sie reduziert oder beseitigt. Auf Faktoren und Bedingungen wie:
- Licht:
Voraussetzung zum besseren Absehen - Akustik:
Vermeiden bzw. Reduzieren von Stör- und Nebengeräuschen, z.B. Schließen von Fenstern, weil lauter Straßenlärm in den Raum dringt - Position:
Gesprächspartner und Umgebung im Blick, Lichtquelle im Rücken - Sprechverhalten des Gesprächspartner:
Hinweis auf Hörbehinderung sowie Information über hilfreiche Verhaltensweisen;
Unsicheren Gesprächspartnern ggf. "pädagogische" Hilfestellung (Moderation) geben; bei Verstehproblemen, das Verstandene in die Frage einbauen (Nachfragetaktik)
Diese aktive Gestaltung von möglichst optimalen kommunikativen Bedingungen bezeichnen wir als Kommunikationstaktik (Müller, 1992). Mit ihr soll der größtmögliche Erfolg der Hörtaktik erreicht werden. Symbolisch gesehen bestehen die einzelnen Teile der Hörtaktik aus Bausteinen, die durch individuelle Vorgehensweise zu einem Ganzen - dem Sprachverstehen - zusammengefügt werden. Die Kommunikationstaktik bildet demnach das Fundament; sie soll eine sichere Grundlage für den Aufbau des Sprachverstehens sein. Dennoch müssen wir uns vor Augen halten, daß es die in allen Belangen optimale Kommunikationssituation nicht gibt. Wenn z.B. der Gesprächspartner ein von Natur aus schlechtes Mundbild hat oder das Abschalten von Nebengeräuschen außerhalb des Machtbereiches des Schwerhörigen liegt, bleibt das Sprachverstehen für den Schwerhörigen unsicher und begrenzt. Der "Streß durch unsichere Kommunikation" ist und bleibt ein ständiger Begleiter im Leben schwerhöriger Menschen (Müller,Heeg 1993).
Diese permanente psychische Belastung in kommunikativen Situationen liefert uns die Erklärung, warum der Schwerhörige sich generell nicht zu seiner Behinderung bekennt und entsprechende Hilfsangebote nicht akzeptieren kann bzw. sie ablehnt: Um den psychischen Druck möglichst gering zu halten oder zu entgehen, bedient er sich unbewußt einer variantenreichen Verstecktaktik:
- er isoliert sich, wenn er Kommunikation möglichst meiden möchte,
- er bevorzugt einen oberflächlichen Redestil, um sich schnell aus der Affäre zu ziehen, wenn er sich in schwierigen kommunikativen Situationen überfordert fühlt,
- oder er verharrt mit stoischer Ruhe in der Gruppe, wenn er sich in die Diskussion nicht einbringen will.
Wir haben auch erkannt, daß diese Verstecktaktik die Entwicklung der Bundesjugend bis zu ihrer Krise wie ein roter Faden durchlief. So war uns durchaus bewußt, daß die Auseinandersetzung mit der Hörbehinderung als Hilfe zur Selbsthilfe, die Vermittlung und die Erprobung der Kommunikationstaktik an der Verstecktaktik der Mitglieder scheitern könnte. Es lag daher nahe, die bisherigen kommunikativen Bedingungen eingehend unter die Lupe zu nehmen.
Die ersten Schritte zur Gruppenkommunikation
Bei der Erstellung des Konzeptes für die zukünftige Arbeit der Bundesjugend wurde als Hauptproblem eine nichtfunktionierende Kommunikation festgestellt (Müller, Weber, 1991). Die bislang oberflächlich praktizierte Gruppenarbeit, zeitweise unterstützt durch eine Induktionsanlage, erreichte nur einen Teil der Schwerhörigen, meist nur die leicht- bis mittelgradig Betroffenen. Kommunikation lief wie unter Guthörenden ab: Schnelles und oftmals undeutliches Sprechen, spontane Zwischenrufe und Kommentare waren die Regel.
Als wesentlich für eine funktionierende Gruppenkommunikation hielten wir fest:
- Jeder muß jeden verstehen können. Erst wenn jeder in die Lage versetzt wird, Gesprochenes akustisch und visuell optimal aufnehmen zu können, kann er den Inhalt entspannt und konzentriert verarbeiten und am Gruppengeschehen aktiv und konstruktiv teilnehmen.
- Die Gruppenkommunikation muß sich am schwächsten Glied der Gruppe, i.d.R. an dem stark Schwerhörigen bzw. Resthörigen orientieren, ohne daß das allgemeine Niveau darunter leidet.
Wegen der breiten Palette an Hörschädigungsgraden , mußten wir eine Kommunikationsbasis schaffen, eine "Sprache" finden, die alle verstehen und in der alle miteinander kommunizieren können. Diese "Sprache" war und sind für uns die "Lautsprachbegleitenden Gebärden" (LBG).Unter LBG verstehen wir deutsche Lautsprache mit Mundabsehen plus Mimik und Gebärde. Gebärde umfaßt dabei Körpersprache, Pantomime und festgelegte Zeichen, die dem Gebärdenlexikon der Gehörlosen entnommen werden. Da der akustische Kanal bereits durch die technische Versorgung ausgereizt ist und die Visualisierungshilfen Mundabsehen und körpersprachliche Deutung prinzipiell unsicher sind, sind die LBG durch ihre festgelegte Norm für uns die einzige Möglichkeit, sowohl den akustischen als auch den visuellen Kanal zu sichern, um damit den "Streß durch unsichere Kommunikation" zu vermeiden bzw. zu reduzieren.
- Schaffung von optimalen Bedingungen, die den Erfolg der individuellen Hörtaktik sichern sollen. Die Kommunikationsbasis LBG allein reicht nicht für eine erfolgreiche Gruppenkommunikation. Das bedeutet für uns, daß grundsätzlich zusätzlich zu den LBG alle akustischen (z.B. Induktions-, Mikroportanlagen) und visuellen Hilfsmittel (z.B. Mitschreiben auf dem Overhead-Projektor) benutzt werden, die uns zur Verfügung stehen. Dazu gehört auch eine strenge Gesprächsdisziplin, die prinzipiell eingehalten werden muß.


