LBG an Schwerhörigenschulen - Notwendigkeit oder Gefahr?
-Teil 2-
Der erste Teil und dieser vorliegende zweite Teil erschien in "hörgeschädigte kinder". Leider liegt uns nur der 2. Teil vor. Trotzdem finden wir es sehr wichtig, so daß wir bitten, davon abzusehen, daß an manchen Stellen auf den 1. Teil Bezug genommen wird. -- Anm. des Webmasters)
Wenn ich Sandras Entwicklung betrachte, hat sie insbesondere in den letzten Monaten altersgemäß gewaltig aufgeholt. Sie hat ein offenes Wesen mit entsprechender Kontaktfreudigkeit. Wenn man ihr Zeit läßt, geht sie von sich auf Leute, auch auf fremde, zu. Sobald sie Druck verspürt, zieht sie sich zurück; verständlich, wenn man bedenkt, welchem Druck sie in ihren ersten Lebensjahren ausgesetzt war und aushalten mußte. Heute, nach der 10. Sitzung erscheint mir Sandra als ein altersgemäß gut entwickeltes Kind mit guter Aufnahme- und Kombinationsfähigkeit.
Es ist unerläßlich, daß insbesondere die Mutter eine psychische Stabilisierung erfährt, indem ihr der Druck des Schuldbewußtsein ein wenig genommen wird. Dies ist nicht nur für das Wohlbefinden der Mutter und auch für Sandra, sondern ebenso für die jüngere Tochter Martina wichtig. Denn inzwischen zeigt diese Eifersuchtstendenzen auf der Grundlage des sich Zurückgesetztfühlens. Die Mutter ist aber verständlicherweise noch nicht so "objektiv", daß sie gleichermaßen die Bedürfnisse ihres behinderten als auch ihres nichtbehinderten Kindes wahrnehmen und auf sie einzugehen in der Lage ist.
Durch Schriften aller Art, insbesondere der Bundesjugend, versuche ich der Mutter zumindest in theoretischer Form ein breiteres Spektrum von Sichtweisen, Entwicklungschancen und Lebensperspektiven frühschwerhöriger Menschen zu geben. Sie ist sehr interessiert. Beide Eltern sind permanent bereit, die Situation ihrer Tochter zu verbessern und nehmen auch in Kauf, daß sie Widerstände seitens der Experten erfahren, die den althergebrachten oralistischen Weg bevorzugen.
Hausbesuch am 04.12.1996
Sandra zeigt/deutet - und murmelt dabei - auf bestimmte Gegenstände: "Das ist mein, Dein, Mamas, Papas...". Damit ist für uns ein wichtiger Schritt geschafft, Sandra zu vermitteln, daß Gegenstände bestimmte Besitzer haben, und daß sie nicht alles für sich beanspruchen kann.
Sandra erzählt mir von ihrer Erkältung: Sie erzählt, daß sie Schnupfen hat und husten muß; dazu zeigt sie mir die entsprechenden Medikamente und erklärt mir eindringlich, daß der Hustensaft für ihren Husten, das Schnupfenspray für ihren Schnupfen, etc. ist.
Ich habe meine Mikroport-Funkübertragungs-Anlage mitgenommen. Leider ist Sandras Anlage (Phonak Ear) nicht aufgeladen. Zuerst will Sandra meine Mikroport-Anlage nicht umlegen bzw. sich anstecken lassen. Sie sagt "nicht mein" (auf meine Mikroport-Anlage zeigend) -, deutet auf ihre eigene und will diese haben. Ihre Mutter erklärt ihr, daß sie "alle" (leer) ist. Nach einer kurzen Weile wagt sich Sandra doch an meine Mikroport-Anlage. An ihrer Mimik können wir deutlich erkennen, daß der Hörempfang der Mikroport-Anlage (u.a. durch das spezielle separate Mikrofon, welches ein besonders lautes, klares und deutlichen Hörempfang ermöglicht) ihr offensichtlich einen positiven Höreindruck vermittelt. Sie will nun mit ihrer Mutter kommunizieren, möchte aber auch gleichzeitig ihre eigene Stimme hören. Wir stecken ihr das Mikrofon so an, daß sie beide Stimmen gut empfangen müßte. Die Mutter holt die Bildersammlung und spricht einige Tiere vor, Sandra spricht sie nach. Sie ist sehr aufgeregt, zu sehr, um sich entsprechend "gut" auf das Hören und Nachsprechen konzentrieren zu können. Aber sie findet es sichtlich spannend, "anders" zu hören und will weitermachen.
Nach einer Weile überlegen wir, ob wir versuchen könnten, ihr angesichts des nahenden Weihnachtsfestes die Geschichte von "Jesus' Geburt" zu erzählen.
Zuerst holen die Eltern ein Prospekt mit Weihnachtskrippen. In ihm waren aber verwirrend viele Bilder, zudem z.T. schlecht erkennbar. Dann holt die Mutter die Familienkrippe. Sandra begeistert sich für die Figuren, spielt eine ganze Weile sehr intensiv damit. Eine Ansprache meinerseits, ihr zu erklären, wie die Figuren heißen, mißlingt. Sie ist einfach zu aufgeregt. Sie reagiert zudem eher auf ihre Mutter. Wir beschließen, diese und zukünftig ähnliche Erklärsituationen der Mutter zu überlassen, weil Sandra zu ihr das größte Vertrauen hat und sie sie offensichtlich auch akustisch besser versteht.
Für das Erzählen bzw. Aufnehmen einer Geschichte scheint sie zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht reif zu sein.
Obwohl eine direkte Kommunikation über die Weihnachtsfiguren mißlang, hat sie dennoch das relativ schwere Gerät (Mikroport) mit "Ernst und Begeisterung" getragen. Ich mache der Mutter den Vorschlag, mit der Krippe in den nächsten Tagen sporadisch zu spielen, damit Sandra evtl. die Namen und Gebärden für die Figuren allmählich registriert. Nur so können wir evtl. auf eine Geschichte hinarbeiten.
Sandra beendet von sich aus die Spielsituation mit den Figuren, indem sie sagt "Morgen - wieder" (Wort und Gebärde). So packen wir gemeinsam die Figuren wieder in ihre Behälter. Die Mikroport-Anlage packt Sandra sorgsam in das entsprechende Köfferchen ein.
Zum derzeitigen Zeitpunkt wird besonders deutlich, daß die Kommunikation überwiegend zwischen Sandra und ihrer Mutter abläuft. Sandra wendet sich in nahezu allen Dingen zuerst an ihre Mutter, die sicher ihre Anliegen aufgreifen und entsprechend in Interaktion treten kann. Die Eltern bestätigen meine Beobachtung und sagen, daß Sandra meist nur dann zum Vater geht, wenn ihre Mutter nicht mit ihr kommunizieren will oder kann. Sandra geht auch spontan auf mich zu, um mir etwas zu erzählen. Auf ihre Tante Claudia allerdings recht selten.
Eines Tages sind wir erstaunt und erfreut zugleich, als sie bei einem spontanen Besuch einer Nachbarin, auf diese recht selbstbewußt zugeht und ihr ein Erlebnis erzählt. Die Nachbarin und Sandra streiten sich später spaßeshalber: Sandra erzählt, daß sie und ihr Vater mich nach Hause bringen (Zeichen für Autofahren, Deuten auf Papa, mich und sich selbst, Zeichen für Haus und weg; mit den Zeichen Sprechen von Auto, Papa, Sandra, Birgit und Hause). Die Nachbarin sagte, "Ach was, Sandra muß schlafen" (Zeichen für Schlafen). Sandra: (Kopfschütteln) Nein, Auto fahren, Papa, Sandra, Birgit, nach Hause... Die Nachbarin wieder, Quatsch, Sandra muß schlafen, - Sandra beteuerte lachend, Nein...
Die Mutter berichtet mir, daß sie heute im Streß des morgendlichen "Fertigmachens" vergessen hatte, Sandra die Hörgeräte reinzustecken. Da es das erste Mal war, ist sie sehr beunruhigt, wie das von Sandra aufgenommen werden würde. Als Sandra nach Hause kommt, schimpft sie sofort, daß sie keine Hörgeräte hatte. (Sie spricht: Mama - deutet auf ihre Ohren - Verneinungsgeste mit dem Kopf, gleichzeitig die Schimpfgeste mit den Händen - dazu schimpfende Laute). Der Kindergärtner, Herr L., erzählt beim Telefonat mit der Mutter, daß er Sandra gefragt habe, wo ihre Hörgeräte seien. Sandra habe geantwortet: "Mama" (hat sie -- durch Geste "weit weg") - Kindergärtner: "Sind Deine Hörgeräte kaputt?" - Sandra: "Nein, Mama" (hat sie -- durch Geste weit weg).
Überhaupt, so berichtet er weiter, weiß Sandra jeden Morgen etwas zu erzählen bzw. geht auf ihn unbefangen zu, um ihm etwas zu erzählen Gibt er ihr gegenüber zu, daß er etwas nicht verstanden hat, so bleibt sie geduldig und versucht auf einem anderen Weg, ihm ihr Anliegen rüberzubringen.
Sandras Entwicklung aus der Sicht der Mutter:
An dieser Stelle folgt nun die Beschreibung von Sandras Entwicklung bis zum Ende der Kindergartenzeit aus der Sicht der Mutter. Weil diese Erzählung meiner Meinung nach die allgemeine Problematik "Frühförderung - wie und was bei welchem Kind" aus Elternsicht sehr anschaulich widerspiegelt, nehme ich sie mit Erlaubnis der Eltern in diesem Artikel mit auf. Aus Gründen der Lesbarkeit und einer interessanteren Darstellung habe ich diese Erzählung in der Ichform festgehalten:
Unsere Tochter Sandra wurde vor 7 Jahren als Frühgeburt mit einem Gewicht von 1250 g und 38 cm Länge nach Komplikationen während der Schwangerschaft durch einen Kaiserschnitt entbunden. Ich erlebte diese Geburt als Verlust. Nachdem ich wochenlang um die Verlängerung der Schwangerschaft gekämpft hatte, wurde mir mein Kind innerhalb der kürzesten Zeit aus dem Bauch genommen. Sandra mußte sofort in die Frühgeborenenstation verlegt werden. Ich sah sie erst nach 3 Tagen zum ersten Mal. Ihr Anblick im Brutkasten war für mich ein Schock. Ich hatte große Angst, überhaupt eine Beziehung zur ihr aufzubauen, denn niemand konnte mir sagen, ob sie überleben würde. Sie war an derart vielen Geräten angeschlossen und war so klein; sie wirkte wie ein Vogel, der aus dem Nest gefallen ist. Mit Neid und mit Schuldgefühlen kämpfend beobachtete ich, wie mein Mann das Kind anfassen konnte. Nach ein bis zwei Tagen endlich schaffte ich es, Sandra zu berühren.
Nach langen 3 Monaten konnten wir Sandra nach Hause nehmen. Sie wog bei ihrer Entlassung aus der Klinik 2330 g bei einer Größe von 48 cm; sie war also immer noch kleiner als ein "normales" Neugeborenes. Endlich war unser Kind zu Hause, endlich waren wir eine Familie.
Ich hatte riesige Angst, im Umgang mit diesem kleinen Wesen etwas falsch zu machen. Dadurch, daß ich weiterhin noch Kontakt zu den Schwestern der Frühgeborenenstation hatte, hatte ich die Sicherheit bzw. Zuversicht, es trotzdem zu schaffen. Doch die ersten Lebensjahre meines Kindes waren überschattet durch eine permanente unterschwellige Verlustangst. Sandra war sehr häufig krank. Insbesondere während des Zahnens litt sie an starkem Bronchialasthma, der durch Lungenvernarbungen extreme Formen annahm. Mit der Zeit milderte sich das Asthma zu einer "normalen" Bronchitis und damit kehrte glücklicherweise auch mehr "Ruhe" ein.
Meine Angst, Sandra trotz allem wieder zu verlieren, ist meiner Meinung nach auch durch eine Aussage der Ärzte der Frühgeborenenstation bei Sandras Entlassung geschürt worden: "Wir sehen uns in der Pädiatrie wieder."
Und genau das wollte ich eben nicht. Ich kämpfte somit mit allen Mitteln um das Leben und die Gesundheit unseres Kindes. Jede Untersuchung, insbesondere solche, die mit EEG's und Sonographien verbunden waren, schürten Ängste in mir. Ich hatte insbesondere die Angst, daß Sandra durch die vielen Krankheiten und die Zeit im Brutkasten z.B. eine geistige Behinderung davongetragen haben könnte. Eine bereits direkt nach der Geburt auffällige Augenerkrankung wurde später als nicht so gravierend eingestuft. Sandra habe trotz Schielens eine Sehkraft von 90 - 100 % .
Trotz der vielen gesundheitlichen Probleme entwickelte sich Sandra in den ersten Lebensmonaten recht gut. Dennoch, ich spürte sehr bald, daß mit ihr etwas nicht in Ordnung ist. Irgendwie reagierte sie nicht auf Geräusche und unsere Stimmen. Schweren Herzens ließen wir sie erneut untersuchen.
Mit bangem Herzen vernahmen wir die Diagnose: "An Taubheit grenzend schwerhörig". Gleich dazu wurde uns gesagt, daß es Hörgeräte gibt und bei einer entsprechenden Spracherziehung würde unser Kind ein ganz normales Kind sein.
Ich hatte noch nie zuvor ein schwerhöriges Kind gesehen. Ich assoziierte die Mitteilung mit einem Bild von gehörlosen Frauen, die ich ca. 20 Jahre zuvor einmal in der Straßenbahn fasziniert bei ihrer gebärdensprachlichen Kommunikation beobachtet hatte. Gleichzeitig bewegten mich die Gedanken, daß es - wie der Arzt es sagte - Hörgeräte gibt. Eine Verbindung zum Erlebnis in der Straßenbahn stellte ich zu diesem Zeitpunkt nicht her. Für mich war klar, Gehörlose benötigen diese Zeichensprache, mein Kind bekommt Hörgeräte, ist also fern von diesem Bild. Ich dachte auch: Sandra wird nie Musik hören können, aber ich liebe sie trotzdem.
Nun, in mir stritten die widersprüchlichsten Empfindungen. Hilflosigkeit war die vorherrschendste. Nach zaghaftem Fragen unsererseits gab man uns unter der Hand die Adresse eines Akustikers und der zuständigen Schwerhörigenschule.
Die Hörgeräte bekam Sandra sehr schnell. Sie wurden ihr im 9. Lebensmonat angepaßt. Seltsamerweise konnte ich da nicht mehr mit ihr reden oder die Spieluhr aufziehen, wenn die Hörgeräte in ihren Ohren steckten. Die Situation mit diesen Geräten in ihren Ohren kam mir sehr künstlich vor. Sobald ihre Hörgeräte draußen waren, konnte ich wieder - wie in den Monaten zuvor - ihr vorsingen und Geschichten erzählen. Ich brauchte lange Zeit, bis diese "Stummheit" verschwand. In dieser ersten Zeit nach der Diagnose dachte ich immer wieder an zwei Dinge:
- "Blindheit trennt von den Dingen - Taubheit von den Menschen" (Eine Aussage der taubblinden Helen Keller)
- "Die Hörgeräte gleichen Sandras Schwerhörigkeit wieder aus.
Noch bevor Sandra die Hörgeräte bekam, nahm ich Kontakt mit der zuständigen Schwerhörigenschule auf. Ich saß allerdings geschlagene vier Stunden mit dem Zettel in der Hand vor dem Telefon bis ich den Mut hatte bzw. mich überwinden konnte, die Schwerhörigenschule anzurufen. Glücklicherweise sprach mich der Schulleiter gleich sehr nett an. Ich war zu dem Zeitpunkt ziemlich aufgeregt und aufgewühlt und hatte ein großes Bedürfnis meine Emotionen jemandem mitzuteilen. Der Schulleiter nahm sich die Zeit, mir zuzuhören, tröstete mich und gab mir Zuspruch. Und er leitete den ersten Hausbesuch durch eine Frühförderin sofort in die Wege.
Mit der Frühförderin Frau A. verstand ich mich gut. Ich hatte das Gefühl, daß ich bei ihr mit meinem Kind gut aufgehoben bin. Der Kontakt war regelmäßig. Die Hausbesuche fanden 1 x wöchentlich bis Sandras 36. Lebensmonat, also bis zum Beginn des Kindergartenbesuches statt. In dieser Zeit lag der Schwerpunkt der Frühförderung in der Aktivierung und Schulung des Gehörs. D.h. Sandra lernte in dieser Zeit Geräusche wahrzunehmen und zu unterscheiden und das Richtungshören. Mein Mann und ich ergänzten dieses Programm. Wir hielten es nämlich für sehr wichtig, zusätzlich auf spielerische Art und Weise Sandras Motorik zu fördern: Spielen, die Umgebung erkunden und entdecken, fühlen und laufen. Im 24. bis 36. Lebensmonat wurden Sandras Versuche erkennbar, Wörter zu formen. In dieser Zeit wurde auch deutlich,
- daß Sandra ein gutes Richtungshören hat,
- daß sie permanent lautiert und sie Wörter , wie Mama, Auto, Papa, Ball und Oma sprechen kann, welche allerdings für lange Zeit die einzigen Wörter waren,
- daß Sandra Geräusche wahrnehmen kann, wie z.B. die Wohnungsklingel, Klopfen,
- daß sie Musik hören und erkennen kann, ob sie laut oder leise ist,
- daß Sandra aufgrund der Melodie bzw. der Tonlage erkennen kann, ob Mama "böse oder lieb" ist,
- daß in Sandras Stimme für uns gut hörbar eine gewisse Melodie ist,
- und daß Sandra auf ihren Namen hört und sie mit der Zeit sie auf ihre Namensrufe ziemlich sicher reagierte.
Sandra kam mit genau 3 Jahren in den Kindergarten der Schwerhörigenschule. Der Kontakt zwischen der Frühförderin Frau A. und mir blieb zunächst hauptsächlich in Form von Telefonaten bestehen.
Rückblickend war die Zeit mit Frau A. eine durchaus positive und wichtige Zeit. Wir führten wichtige Gespräche und Fragen, die sich mir und meinem Mann stellten, wurden auch beantwortet. Wir mußten in den 2 Jahren Frühförderung bis zum Beginn der Kindergartenzeit zwar sehr viel Geduld und Ausdauer aufbringen, denn Sandras Fortschritte waren z.T. sehr langsam. Sie machte "lange" Schritte, aber grundsätzlich hatten wir schon das Gefühl, daß es vorwärts geht.
Erst während der Kindergartenzeit kamen uns Bedenken hinsichtlich des Umfanges und Zeitablaufes von Sandras Fortschritten.
Im Kindergarten hatte Sandra einmal in der Woche Frühförderung. Dort bekam sie auch eine andere Frühförderin, weil man meinte, daß ein Wechsel der betreffenden Bezugsperson Sandras Entwicklung zugute kommen würde. Ich nahm nur unregelmäßig an der Frühförderung teil. Durch meine Verpflichtungen als Hausfrau und Mutter eines zweiten Mädchen, war es für mich nicht immer einfach, den nicht gerade kurzen Weg zwischen unserem Wohnort und dem Kindergarten in Angriff zu nehmen. Die Termine der Elternabende dagegen nahmen mein Mann und ich fast immer wahr. Außerdem hatte ich regelmäßigen telefonischen und teilweise persönlichen Kontakt mit Sandras Gruppenleiter. Rückblickend muß ich sagen, daß es ein Fehler gewesen ist, gerade in der Frühförderungsstunde selten anwesend gewesen zu sein. Durch eine regelmäßigere Teilnahme wäre ich informierter über den Ablauf der Frühförderung und des Geschehens im Kindergarten gewesen bzw. hätte mehr Einblick in Sandras definitive Fortschritte oder auch nicht gehabt.
Häufiger erwähnte ich gegenüber dem Kindergartenpersonal , daß Sandras Mundmotorik nicht stimmt, daß sie ständig "sucht", d.h. sie nicht weiß, wie sie die Wörter aussprechen muß, und daß sie überhaupt viel zu wenig spricht. Aber ich habe mich leider mit der Aussage "Da müssen wir abwarten, das kommt noch" abspeisen lassen. Obwohl ich das Gefühl hatte, daß das nicht in Ordnung ist, fand ich mich mit dem Umstand "wieder (ab)warten" ab, teils aus Unerfahrenheit, und teils aus dem Gedanken heraus, daß "sie schon wissen, was sie sagen, denn schließlich sind sie ja in dieser Hinsicht geschult".
Ich hatte all die Jahre immer das Gefühl, daß da etwas "mehr" geben muß, daß dazu etwas zu lesen geben muß. Die Kommunikation mit unserer Tochter war allzu mangelhaft. So konnten wir keine intensive Beziehung zu ihr aufbauen. Wir hatten zunehmend den Eindruck, daß es auch andere Mittel und Wege geben müßte, mit Sandra eine gemeinsame Kommunikationsbasis zu finden bzw. aufzubauen. Ich hatte aber Angst, gezielt zu forschen, zu suchen. Wohl auch aus Angst, daß dann jene Fehler, die wir als Mutter oder Vater gemacht haben könnten, uns drastisch vor Augen gehalten werden bzw. erst recht bewußt gemacht werden könnten. Rückblickend denke ich, daß es eine recht irrationale Angst gewesen ist. Uns gegenüber wurde zu sehr betont, wie wichtig ein bestimmtes Verhalten (langsames und deutliches Sprechen, immer wieder sprechen) für die Chancen einer guten Sprachentwicklung unseres Kindes ist. Dadurch entstanden auch sehr viel Hemmungen, Scheu und Hilflosigkeit im Umgang mit dem Kind. In letzter Konsequenz bedeutete es nämlich für uns, wenn Sandra keine oder nur sehr geringe Fortschritte in ihrer Sprachentwicklung zeigt, so sind letzten Endes wir als Eltern dafür verantwortlich, sind wir schuldig, weil wir wie auch immer nicht genügend mit unserem Kind gearbeitet haben. Und genau dies auch noch schriftlich vorgehalten zu bekommen, davor hatten wir erhebliche Angst. Trotzdem denke ich heute, daß Eltern mehr Engagement zeigen sollen und müssen, und von sich aus Informationen holen sollten. Allerdings bestand und besteht immer das Problem, aus welcher Quelle man sie sich holen soll bzw. wo und wie man sie sich beschaffen kann. Gerade in der sensiblen Phase der Diagnosenfeststellung wird man derart schnell "abgefertigt" bzw. mit der Aussage scheinbar getröstet, daß es Hörgeräte gibt und eine entsprechende Spracherziehung das übrige tut. Und man glaubt daran nur zu gern. Denn zumindest wir hatten mit Sandra bereits soviel durchgemacht, daß wir nicht unbedingt noch ein weiteres großes Problem haben wollten.
Und richtig: Viele Monate lang dachte ich so manches mal, "Mensch, warum lernt Sandra diese einfachen Wörter, wie Mama, Ball, Auto, Tisch, Haus, nicht oder nur so langsam und schwer. Sie sind doch sooo einfach! Und sie hat doch diese Hörgeräte..."
Diese Gedanken bewegten mich mehr oder weniger häufig, und machten mich zuweilen recht ungehalten gegenüber meinem Kind, bis ich im 1. Kindergartenjahr ein Schlüsselerlebnis hatte:
An der Schwerhörigenschule fand ein Info-Abend statt. Dort wurde das Lied von Herbert Grönemeyer "Sie hört Musik nur, wenn sie laut ist" simultan-verzerrt vorgespielt. Es sollte ein Beispiel dafür sein, wie schwerhörige Menschen mit Hörgeräten hören. Ich war sehr schockiert, wie wenig da trotz Hörgeräte ankommen mag. Bislang dachte ich tatsächlich, daß die Hörgeräte ein fast nahezu normales Hören ermöglichen. Mein Mann und ich haben dann zu Hause die Hörgeräte mal selbst ausprobiert bzw. getestet, indem wir versuchten, bei Nebengeräuschen die Sprache bzw. Stimme des Gegenübers herauszuhören und dachten nur entsetzt: "Das darf doch nicht wahr sein!" Denn ein Heraushören war praktisch gar nicht möglich.
Sandra war schon immer ein nicht gerade "pflegeleichtes" Kind. Auch durch ihre häufigen Krankheiten war sie sehr unruhig, reizbar und hatte häufig Wutanfälle. Sie besuchte gerade gut ein halbes Jahr den Kindergarten, als ihre Schwester Martina geboren wurde. Bereits zu Beginn der Kindergartenzeit nahmen ihre Wutanfälle erheblich zu. So hatte sie mehrere Wochen bzw. Monate täglich mindestens einen, oftmals aber auch zwei bis drei Wutanfälle. Worin lag der Grund? Das einschneidende Erlebnis des Kindergartenbesuches? Ereignisse im Kindergarten? Meine Schwangerschaft? Oder mehrere Faktoren zusammen?
Sandra zeigte sich zunächst über die Geburt ihrer Schwester erfreut. Sie war sehr fürsorglich gegenüber ihrer Schwester, aber zunehmend aggressiver uns Eltern gegenüber. Ab dem 2. Lebensjahr von Sandras Schwester wurde diese zunehmend durch Sandra tyrannisiert. Ich vermute, daß es Sandra Probleme bereitete, daß Martina
- zunehmend beweglicher wurde und dadurch Objekte, wie z.B. Spielzeug immer wieder zum Streitfaktor wurden, und
- daß ich mit Martina offensichtlich anders kommunizieren konnte bzw. die jüngere Tochter mit mir als Mutter. Offensichtlich ist Sandra aufgefallen, daß unsere Kommunikation scheinbar leichter und lockerer funktionierte und daß Martina dadurch schneller am Ziel gelangte als sie selbst.
Ich fühlte mich auch nach Beginn der Kindergartenzeit immer wieder verpflichtet, mit Sandra die Hörerziehung, so wie ich es aus der Früherziehungszeit zu Hause her kannte, fortzusetzen.
Daß bedeutete in der Folge permanenten Streß. Zwar hatte ich vormittags eine kurze Zeit der Entlastung, soweit es mit dem 2. Kind möglich war, aber ab mittags, sobald Sandra nach Hause kam, fühlte ich mich verpflichtet, mindestens ½ Stunde gezielt, aber auch sonst mit dem Kind zu "arbeiten". Schließlich hatte die Frühförderin Frau A. immer wieder betont, wie wichtig konsequentes Üben mit dem Kind für den Erfolg der Spracherziehung ist. Also "arbeitete" ich fleißig: Alles mußte betont werden. Für unsereins, als Hörende, selbstverständliche Dinge, mußten immer beim Namen genannt werden. Z.B. "Das ist eine Tasse. Das ist ein Tisch. Dort ist der Ball. etc.". Ich habe mich nie so recht als Sandras Mutter gefühlt, sondern als Therapeutin meiner Tochter. Durch die Vorschläge in der Früherziehung und des Kindergartens "Machen Sie mal dies, mal jenes" konnte sich bei mir nie so recht eine Natürlichkeit, eine Lockerheit in der Beziehung zu meinem Kind entwickeln.
Sandra hatte neben dem Besuch des Kindergartens immer volles Programm:
- Arztbesuche standen auf dem Programm
- 1x wöchentlich Ergotherapie
- 1x wöchentlich Frühförderung
- 1x wöchentlich Krankengymnastik ,
- darüber hinaus Besuche beim Akustiker.
Mindestens 5 x im Monat waren wir mit Sandra unterwegs, 8 x war eher die Regel. Wo blieb da die Zeit für Sandra, Kind zu sein? Ich hatte noch mein 2. Kind, meine Ehe, den Haushalt und noch das Bedürfnis, sonstige Kontakte zu pflegen. Wir standen und stehen mit unserer gesamten Familie in einem enormen Spannungsfeld. Quasi drehte und dreht sich alles um die Bedürfnisse und Befindlichkeit von Sandra.
Insbesondere ihre Wutanfälle, ihre enorme Hyperaktivität und Aggressivität machten uns zunehmend zu schaffen. Sprach ich diese Probleme im Kindergarten an, wurde schnell abgewinkt. Oftmals kamen Aussagen, wie z.B. "Mein Kind hat das auch" oder "Das legt sich wieder." Insofern fühlte ich mich mit meiner Not mit diesem Kind im Stich gelassen. Sandra wurde immer älter und noch immer zeichnete sich keine befriedigende Lösung ab, mit ihr jemals zufriedenstellend kommunizieren zu können. Selbst die kleinsten Hinweise und Handlungen konnten wir ihr nicht oder nur mit großem Aufwand verständlich machen.
Bis mein Mann und ich zum Ergebnis kamen, daß Therapien und Förderung "ja schön und gut sein mögen", wir aber in erster Linie Eltern, Vater und Mutter, sind und keine Co-Therapeuten verschiedener Arbeitsbereiche, wie Spracherziehung, Ergotherapie etc..
So machten wir im Sommer '95 in Portugal einen schönen Urlaub, in dem wir Sandra nur Kind sein ließen. Zusätzlich beschlossen wir, vermehrt mit Körpersprache zu agieren. Sandra selbst bot uns seit geraumer Zeit ihrerseits Körpersprache an, die wir aber entweder nicht wahrgenommen oder nicht aufgegriffen haben. Dies hat uns zu denken gegeben. Mittlerweile glaubten wir, daß Sandra visuelle Reize fehlten. Die Zeit im Urlaub war für uns alle eine sehr schöne Zeit. Wir spürten zunehmend, wie Sandra auf unsere Signale reagierte. Und ihre Aggressivität nahm ein wenig ab. So bekamen wir neue Hoffnung.
Rückblickend denke ich, daß Lautsprachbegleitende Gebärden spätestens ab dem 3. Lebensjahr für Sandra nicht nur sehr notwendig sondern auch entscheidend entwicklungsfördernd gewesen wären.
Nachdem wir im Urlaub die positiven kommunikativen Erfahrungen mit der Körpersprache gemacht hatten, sprachen wir in der Kinderklinik in Datteln diese Beobachtung an. Dort erklärte man uns auch; daß Sprechen können nicht nur aus der Fähigkeit zu hören resultiert, sondern auch Faktoren, wie
- Sprachbegabung
- das Sehvermögen
- die Mundmotorik
- und die Atemtechnik in ihrer Gesamtheit und Zusammenspiel eine wesentliche Rolle spielen.
Zudem sei auch für die Erfassung von Wort- und Sprachinhalten durchaus förderlich, visuelle Hilfen zu Hilfe zu nehmen. Sandra sei offensichtlich ein Kind, das ein vermehrtes Gebärdenangebot in Form der LBG benötigt. Es sei sehr gut möglich, daß Sandra zu den Kindern gehört, deren Sprache sich dann vermehrt aktiv einsetzt, wenn man den lautsprachlichen Druck, sich zu äußern, wegnimmt.
Mein Mann und ich sind sehr erleichtert, daß wir vor einem Jahr konkret begonnen haben, den LBG-Weg zu beschreiten. Wir haben endlich eine kommunikative Hilfe, mit der wir unser Kind erreichen können. Mit LBG wird keineswegs die Hörerziehung vernachlässigt. Im Gegenteil, mit dieser visuellen Hilfe können wir Sandra auf dem Weg zum Hören und Verstehen auch begleiten. Seit Sandra LBG angeboten bekommt, zeigt es sich, daß sie durchaus sprechen möchte und gerne mittels Lautsprache kommuniziert. Mit LBG können wir als Eltern unserem Kind auch Dinge erklären, deren Wortbegriffe sie noch nicht weiß. Wir können mit der LBG Sandra die Namen der Dinge, die sie sieht und hört, vermitteln.
Auffallend ist, daß mit Beginn des LBG-Unterrichtes Sandras Aggressivität und Hyperaktivität sichtlich abnahm. Ihre z.T. starke Tendenz, nur ihren Willen und Bedürfnisse durchsetzen zu wollen, nahm ab. Zunehmend interessierte sie sich aktiv auch für die Geschehnisse in ihrer Umgebung. Auch nahm sie von Woche zu Woche stärker Anteil an den Befindlichkeiten der Menschen ihrer näheren Umgebung. Mit Freude konnten wir erleben, daß Sandra durchaus ein sozial eingestelltes Kind ist, d.h., daß es ihr nicht egal ist, wie es anderen geht und was mit ihnen passiert. Ihr Blick wurde immer offener und ihre Bereitschaft, Blickkontakt aufzunehmen immer größer. Und all das nur, indem wir Sandra ein paar Zeichen "gaben", zusätzlich zum gesprochenen Wort. Wie sehr beschäftigte uns daraufhin der Gedanke, daß wir 5 Jahre gebraucht haben, diesen Weg zu finden. Was hätte Sandra alles nicht versäumt, wenn wir sie bereits eher mit LBG erreicht hätten? Warum wurde dieser oder ähnliche visuelle Wege uns nicht schon viel eher aufgezeigt? Warum mußten wir soviel Not und Leid mit unserem Kind erfahren?
Rückblickend weiß ich, daß wir immer damit zu kämpfen hatten, daß wir keinen "richtigen" Zugang zu unserem Kind hatten. Das wichtigste für Eltern ist aber, daß eine funktionierende Beziehung zu ihrem schwerhörigen Kind aufgebaut werden kann. Endlich können wir mit unserem Kind - natürlich in einfacher Form - auch über Gefühle reden; Gefühle und Zusammenhänge erklären und mit Sandra soziale Situationen üben.
Wir sind als Eltern zu wenig über die kommunikativen Möglichkeiten und Alternativen informiert worden. Das soll jetzt nicht heißen, daß Eltern passiv darauf warten können, daß sie informiert werden. Sicherlich ist ein gewisses Interesse und Engagement bezüglich der Behinderung des eigenen Kindes erforderlich. Allerdings hätte die Frühförderstelle uns gleich zu Beginn von Sandras Förderung informieren müssen, daß es visuelle Hilfen , wie z.B. LBG gibt. Jedes (schwerhörige) Kind ist anders, und jede Mutter oder Vater ist anders, und so sind auch die Wege verschieden, wie Menschen sich einander erreichen können. Sandra war mit der rein oralen Methode nicht ansprechbar, wie sich erst in ihrem 5. Lebensjahr für uns als Eltern herausgestellt hat. Nur haben wir als Eltern bis dahin gedacht, daß es der einzige mögliche Weg ist, daß unser Kind einmal sprechen lernt. Wir haben zudem einen guten Kontakt zu Sandras 1. Frühförderin. Nicht immer waren mir die damaligen Übungen einleuchtend. Ich spürte nur, daß es nicht ganz umsonst ist. Insofern glaubten wir als Eltern auch den Aussagen, daß unser Kind sprechen lernen wird. Allerdings trat dies auch nach Monaten und Jahren nicht definitiv ein. Die Sprachentwicklungverzögerung wurde mit der Frühgeburt und den postnatalen Erkrankungen erklärt. Es macht uns als Eltern wütend, daß dadurch, daß wir unser Kind nicht kommunikativ und beziehungsmäßig erreichen konnten, wertvolle Jahre in der Entwicklung unseres Kindes verloren gegangen sind. Erst durch unser hartnäckiges Nachfragen, warum Sandra immer noch nicht sprechen kann, bekamen wir durch die Kinderklinik in Datteln die Empfehlung, es mal mit LBG zu versuchen.
Sandras bisherige Entwicklung bestätigt, daß Hörerziehung und visuelle Lautsprachbegleitung sich nicht ausschließen müssen. Im Gegenteil können sie, diszipliniert angewandt, eine durchaus sinnvolle Ergänzung bilden. Und beides ist nach wie vor wichtig. Sandras melodische Stimme, ihr verbessertes Richtungshören z.B. weisen darauf hin, daß bei ihr beides Sinn macht und sinnvoll verarbeitet wird.
Uns ist es als Eltern durchaus bewußt, daß es auch für das geschulte Personal im Kindergarten- und Schulbereich nicht immer einfach sein dürfte, mit den Eltern klar zu kommen. Wir sind immer wieder erstaunt und finden es auch empörend, daß es so wenig Eltern gibt, die bereit sind, sich aktiv mit der Behinderung ihres Kindes auseinanderzusetzen. Wir möchten jetzt nicht beurteilen, warum dies so ist. Aber allein dieser Umstand erschwert natürlich einen sinnvollen Erfahrungsaustausch und macht darüber hinaus eine Einflußnahme in der Art der Erziehung der Kinder nicht oder nur sehr schwer möglich.
Aufgrund unserer Erfahrungen möchten wir zusammenfassend betonen, daß wir es für wichtig halten,
- daß der Aspekt Beziehung in der Früherziehung eine höhere Priorität haben muß, als der der Sprache,
- daß überhaupt in der Familie mit dem schwerhörigen Kind kommuniziert wird und nicht, daß es schon als Erfolg gewertet wird, wenn 3 oder 5 Wörter richtig ausgesprochen werden,
- daß wir den Einsatz von LBG im Kindergarten und Schule wünschen, weil diese kommunikative Hilfe bei Sandra zu enormen und wichtigen Fortschritten geführt hat.
Für Kinder ist es nicht nur wichtig, zu spüren, daß sie geliebt werden. Ebenso wichtig ist es, daß es ihnen auch gesagt wird. Durch LBG können wir unserem Kind auch endlich sagen, daß wir es lieben.
Kann Sandra im Sommer '97 eingeschult werden?
Hausbesuch Mitte Dezember
Die Frühförderin Frau P. will Sandra im nächsten Jahr einschulen. Frau Z. möchte sich gar nicht so früh festlegen. Zwar sei Sandra mit 6 Jahre eigentlich soweit, aber sie möchte Sandra nicht zu früh dem schulischen Druck aussetzen. Sandra habe gerade erst seit kurzer Zeit durch das Angebot der LBG die Möglichkeit, ihre Bedürfnisse und Wünsche zu äußern. Sie durchlaufe dadurch endlich eine positive Entwicklung; wirkt erheblich fröhlicher und lockerer. Als Mutter habe sie die Befürchtung, daß, dadurch daß in der Schwerhörigenschule keine LBG angeboten wird, der schulische kommunikative Druck die bisherigen Erfolge wieder zunichte machen könnte. Deshalb möchte sie lieber abwarten, wie Sandra sich in den nächsten Monaten entwickelt, ob sie psychisch stabil genug ist, den Druck entsprechend verarbeiten zu können. Sandras Gruppenleiter empfiehlt den Eltern wird eine Hospitation in Klassen der Schwerhörigen- und Gehörlosenschule.
Ich empfahl den Eltern Z., sich mit einer anderen Familie in einer ähnlichen Situation in Verbindung zu setzen, um gemeinsam eine Anwendung von LBG im Kindergarten zu fordern.
Ende Januar '97 findet ein Sondierungsgespräch im Kindergarten zwecks Sandras Einschulung im Sommer dieses Jahres statt. Auf Wunsch der Eltern Z. nehme ich an diesem Gespräch teil.
Das beteiligte Personal des Kindergartens äußerst sich positiv über Sandra. Sie sei ihrer Meinung nach schulreif. Sie habe in den letzten Monaten sehr viele Entwicklungsschritte gehabt. Sie sei von den Kindergartenkindern, die für die Einschulung vorgesehen seien, das im Sozialverhalten am weitesten entwickelte Kind. Sandra übe in ihrer Gruppe eine Vorbildfunktion aus. Herr L. wirft ein, daß Sandra das einzige Kind in seiner Gruppe sei, das versucht, mit ihm permanent zu kommunizieren. Dies sei ihm gerade in letzter Zeit erfreulich aufgefallen. Vom Kindergarten aus wird die Empfehlung gegeben, Sandra in die Schwerhörigenschule einzuschulen. Sandra solle bis dahin an der Vorschule, die ab Februar einmal wöchentlich stattfinden wird, teilnehmen. Die Eltern sollten aber durchaus in der Gehörlosenschule hospitieren, um dann eine vernünftige Entscheidung treffen zu können.
Die Eltern Z. erwähnen, daß ein psychologisches Gutachten in der Kinderklinik in Datteln bevorstehe. Daraufhin beschließen alle Beteiligten, um Sandra unnötige Tests zu ersparen, kein separates Gutachten in der Schule zur Überprüfung der Schulreife durchführen zu lassen, sondern das klinische Gutachten für die Schuleignungsprüfung zu übernehmen.
Das psychologische Gutachten Anfang Februar wird die psychologische Untersuchung in der Kinderklinik Datteln mit Sandra durchgeführt. Demnach steht sie nicht nur auf einer altersgerechten Entwicklungsstufe sondern hat darüber hinaus die zuvor als nicht aufholbar bezeichnete Entwicklungsverzögerung nachgeholt! Lediglich im motorischen Bereich und ihrer Wahrnehmungsfähigkeit liegt sie noch etwas zurück; jedoch sind diese Defizite bei entsprechender ergotherapeutischer Behandlung durchaus noch kompensierbar.
Dieses Gutachten entscheidet die Überprüfung im Kindergarten bzw. Schwerhörigenschule, daß Sandra schulreif ist.
Fazit nach acht Monaten Betreuung mit LBG im April 1997:
Rückblickend kann auch ich mit ein bißchen Stolz feststellen, daß wir nach nur 8 Monaten intensiver Arbeit mit LBG bei Sandra sehr viel erreicht haben. Im Vergleich zu ihrem Entwicklungsstand im September letzten Jahres hat sich ihre kommunikative Kompetenz ganz erstaunlich entwickelt.
Gleichwohl: Nach Maßstäben einer hörgerichteten Früherziehung spricht Sandra nach wie vor sehr schlecht. Aber sie spricht! Sie spricht viel und gerne. Und sie kann trotz ihres starken Hörschadens mit ihren Hörgeräten durchaus viel Sprache verwerten. Sandra benutzt die Gebärdenzeichen für die entsprechenden Begriffe solange, bis sie das Wort sicher erkennt und ausspricht. Dann läßt sie tendenziell das Gebärdenzeichen von sich aus weg.
Mittlerweile schafft Sandra mit Hilfe der LBG einen ganzen Satz zu sprechen, z.B. "Ich möchte trinken". In einer Mischung von gesprochenen Wörtern und Gebärdenzeichen sowie ausgeprägter Körpersprache vermag Sandra inzwischen viel mehr zu erzählen. Auch Gefühle vermag sie nun auszudrücken. Noch offensichtlicher kann sie Inhalte von uns Erwachsenen verstehen, wenn wir sie mit LBG begleiten.
Sandras größtes Problem ist noch immer ihre Unsicherheit bei der Wortformung. Nach wie vor wird auch im Kindergarten auf dieses Problem nicht eingegangen, obwohl dies Bestandteil der Frühförderung sein sollte. Wir haben schon an eine separate logopädische Betreuung gedacht. Das Problem liegt aber darin, daß Sandra nicht noch mehr und zusätzliche Therapien zugemutet werden können. Auch ist es schwierig, eine geeignete Fachkraft zu finden.
Anmerkung:
Mittlerweile haben sich die Eltern Z. entschlossen, Sandra zusätzlich logopädisch fördern zu lassen und dafür auf die ergotherapeutischen Maßnahmen zu verzichten.
Sandras Mutter hat sowohl in Klassen der Schwerhörigenschule als auch der Gehörlosenschule hospitiert. Ihr gefiel das Unterrichtskonzept der Gehörlosenschule wesentlich besser. Sie konnte auch die Kinder beobachten, die mit Sandra eingeschult wären. Ihr fiel auf, daß Sandra im Vergleich mit diesen Kindern um einiges mehr und besser sprechen konnte bzw. daß Sandra viel mehr und auffallender ihre Stimme einsetzt. Es machte sie nachdenklich, ob die Aussichten für Sandra, in dieser Einrichtung weiter sprechen zu lernen bzw. später einmal "ausreichend" sprechen zu können, auch gegeben sind. Frau Z. hat die Befürchtung, daß Sandras Fortschritte in der Sprache im täglichen Umgang mit Kindern, die (noch) nicht so eifrig ihre Stimme einsetzen, wie Sandra es praktiziert, mehr oder weniger zunichte gemacht werden. Nach Meinung der Mutter wäre Sandra in dieser Einrichtung wahrscheinlich eher unterfordert.
"Mit Bauchschmerzen" beschließen die Eltern Z. daher, Sandra nun doch in die Schwerhörigenschule einzuschulen. "Mit Bauchschmerzen" deswegen, weil die beiden Lehrerinnen der Eingangsstufe in den bisherigen Gesprächen in keinster Weise die Bereitschaft zeigen, LBG im Unterricht einzusetzen. Die Mutter konnte in der Vorschule beobachten, daß Sandra den rein lautsprachlichen Frontalunterricht nicht oder kaum versteht. Die Lehrerin bewertete Sandras entsprechendes Verhalten als zu zurückgezogen und schüchtern, während die Mutter weiß, daß Sandra überhaupt nicht erkennen konnte, was von ihr erwartet wurde. Nun hoffen die Eltern, daß durch die Gespräche, die sie mit den Pädagoginnen geführt haben und noch führen werden, eine gewisse Kompromißbereitschaft entsteht.
Auch bedingt durch den 1. Teil dieses Artikels führen die Eltern Z. viele Gespräche mit den in Frage kommenden Lehrerinnen der beiden Klassen, in denen Sandra voraussichtlich eingeschult wird. Frau Z. betont immer wieder, wie wichtig für Sandra ein entsprechendes visuelles Angebot ist.
Im Sommer dieses Jahres macht Sandra einen weiteren positiven Schritt in ihrer Entwicklung. Sie ist sehr eifrig dabei, zu kommunizieren und ist sehr wißbegierig. Sie möchte vieles erklärt bekommen und besteht darauf, es zu verstehen.
Sandra wurde im August dieses Jahres in die Schwerhörigenschule eingeschult. Erstaunt nimmt die Lehrerin, die Sandra bereits in der Vorschule betreut hat, zur Kenntnis, daß Sandra in der kurzen Zeit einen offensichtlich sehr positiven Entwicklungsschritt gemacht hat. Sie ist jetzt sehr bemüht, Sandra speziell zu fördern. Das PMS-System wird eingesetzt, welches von Sandra gut aufgenommen wird. Sandra geht gerne in die Schule. Für die Eltern ist es eine große Erleichterung zu erleben, daß für Sandra es wichtig ist, in die Schule gehen zu können. Es ist augenfällig, daß Sandra sich jetzt als Schulkind sehr viel "erwachsener" fühlt, viel reifer wirkt und jetzt viel selbstsicherer auftritt. Die Eltern Z. finden es als sehr wichtig, daß ein Austausch zwischen Eltern und Lehrer stattfindet, unabhängig davon, ob dieser zunächst positiv oder negativ verläuft. Zwischen den Eltern Z. und Sandras Klassenlehrerin besteht dank der vielen Gespräche ein positiver Gedankenaustausch.
Die Eltern Z. wünschen sich für die Zukunft, daß man - egal ob im schulischen oder privaten Bereich - offener mit dem Thema LBG umgeht. LBG sollte in Fachkreisen nicht als ein dubioses Mittel angesehen werden, sondern als eine notwendige Unterstützung für das Verstehen durch hörbehinderte Menschen. Darüber hinaus sind LBG durch ihren körpersprachlichen Ausdruck eine interessante Bereicherung im zwischenmenschlichen Miteinander. Durch LBG ist die Familie Z. nach eigener Aussage endlich auf dem Wege eine Familie und damit eine innige Gemeinschaft zu werden.
Trotz Sandras bisheriger positiver Entwicklung in der Schule würden es die Eltern Z. sehr begrüßen, wenn im Unterricht auch LBG eingesetzt würden. Denn damit wäre nicht nur der kommunikative Druck, der auf ihr Kind lastet, erheblich geringer sondern auch das inhaltliche Verstehen des Unterrichtsstoffes wäre einfacher sowie das zwischenmenschliche Miteinander lockerer.
Schlußwort:
Kritiker bzw. Gegner der LBG werden einwenden, daß Sandra ein Einzelfall, eine Ausnahme ist. Daß bei Sandra zusätzliche Beeinträchtigungen vorliegen, die eine hörgerichtete Erziehung nicht ermöglichen bzw. erschweren. Dies mag durchaus sein. Aber es ändert nichts an der Tatsache, daß es sehr viele (hochgradig) schwerhörige Kinder gibt, die auf die derzeitigen Frühförderkonzepte, die die reine Lautspracherziehung in den Vordergrund stellen, nicht ausreichend oder gar nicht ansprechen. Sandra ist nicht die einzige Erfahrung, die ich mit frühschwerhörigen Kindern im Vorschulalter gemacht habe. Bei einer zweiten Familie, die ich z.Zt. betreue, ist es hinsichtlich der Schaffung einer familiären kommunikativen Basis ähnlich gelaufen. Auch hier hatte das Kind bereits längere Zeit, konkret 2 Jahre, Frühförderung seit dem 1. Lebensjahr erfahren. Zuerst war mit dem damals fast 3-jährigen Kind absolut keine Kommunikation möglich. Das Kind war extrem hyperaktiv und verkrampft. Es konnte sich auf nichts konzentrieren. Sobald es spürte, daß von ihm etwas erwartet wurde, "schaltete es sofort ab", indem es sich heftig verweigerte. Bereits nach 2 Sitzungen, ließ der Druck bzw. die Verkrampfung des Kindes nach. Nach 4 Wochen Betreuung konnte ich bzw. die Familie endlich mit dem Kind sinnvoll spielen. Heute im Alter von vier Jahren kann die Familie mit dem Kind mit Hilfe von LBG in Alltagssituationen kommunizieren, wobei der Schwerpunkt auf Körpersprache liegt. Dieses Kind ist meiner Meinung nach "echt" gehörlos. Evtl. kommen bei diesem Kind noch eine Lernbeeinträchtigung zu Tragen. Anmerkung: Ein im November letzten Jahres angepaßtes CI bewirkte bis heute (Okt.. '97) keine eindeutigen Hörreaktionen und keine Auswirkungen auf eine mögliche Sprachentwicklung.
Andere Eltern, mit denen ich Kontakt pflege, haben ihre Kinder aus dem jeweiligen Schwerhörigenkindergarten herausgenommen, weil ohne visuelle Hilfen ihre Kinder nicht richtig gefördert werden konnten. Z.B. besuchen zwei Kinder daraufhin Regelkindergärten, in denen sich Erzieherinnen mit der Bereitschaft gefunden haben, Grundlagen der LBG zu lernen und anzuwenden. Eines dieser Kinder wurde jetzt in eine integrative Grundschule eingeschult. Auch hier fand sich glücklicherweise eine Pädagogin, die LBG beherrscht und auch anwendet.
Die Eltern berichten übereinstimmend, unabhängig davon, ob ihre Kinder Zusatzbehinderungen haben oder nicht, daß durch die LBG eine kommunikative Basis geschaffen wurde, auf die erst und endlich eine direkte und lebendige Beziehung aufgebaut und stabilisiert werden konnte.
Wenn der Gebrauch von LBG bereits im Vorschulalter solche Erfolge und Nutzen mit sich bringt, muß es sich erst recht positiv auf die sozio-emotionale Entwicklung der Kinder auswirken, wenn die Pädagogen sie auch im Grundschulbereich einsetzen würden - als konsequente Weiterentwicklung dieser Kinder.
Ich selbst bin ein frühschwerhöriger Mensch, der nach rein oralistischen Gesichtspunkten erzogen worden ist. Bis zum Abitur besuchte ich Einrichtungen für Schwerhörige. Der Gebrauch von LBG war damals absolut undenkbar. Und so bin auch ich mit dem Bewußtsein aufgewachsen, daß sprechen können wichtig ist, aber auch mit der "Einbildung", daß ich als Erwachsene dann keine Probleme haben werde. Mit meiner guten Sprech- und Sprachkompetenz sowie auch mit meiner guten Schul- und Berufsbildung bin quasi eine sogenannte "Vorzeige-Schwerhörige". Mittlerweile bin ich 33 Jahre und mitten im 2. Bildungsweg (Sozialarbeit).
Ich habe die bittere (Lebens-)Erfahrung gemacht, daß eine gute Sprach- und Sprechkompetenz noch lange nicht sicherstellt, im Berufs- und Privatleben auch zurechtzukommen.
Als Schülerin durfte ich mehr als 30 Schulstunden in der Woche permanent hören und absehen. Daß ich zwangsläufig erschöpft war, häufig Kopfschmerzen hatte, später Magen- und Rückenprobleme hinzukamen und ich mich sozusagen als Selbstschutz immer mehr sozial zurückzog, dies wurde nicht registriert. Wichtig und offensichtlich waren lediglich: Meine guten Zeugnisse, meine gute Sprache, meine gute Kommunikationsfähigkeit, die ich mir aber in erster Linie im Rahmen meiner Verbandstätigkeit im Erwachsenenalter selbst angeeignet habe.
Später im Beruf als Bankkauffrau hatte ich permanent Probleme, ohne größeren psychischen Streß kommunikative Situationen durchzustehen. Obwohl ich durch meine Tätigkeit in der ehrenamtlichen Schwerhörigenjugendarbeit auch für mich selbst wertvolle kommunikative und soziale Erfahrungen als Rüstzeug mitbekam, war die letzte Konsequenz, daß ich diesen Beruf aufgeben mußte. Die Kommunikationsproblematik "verfolgt" mich auch jetzt im Studium der Sozialarbeit. Ich vermag es nun mal nicht , länger als 60 Min. (mit Mikroport-Anlage) einem Dozentenvortrag zu folgen. Absolut "draußen" bin ich in den Seminaren, in denen überwiegend auf Diskussionsbasis gearbeitet wird. Trotz perfekter Sprach- und Sprechkompetenz und außergewöhnlicher Kombinationsgabe, benötige ich für viele Situationen einen LBG-Dolmetscher.
Ich habe das Glück gehabt, zumindest im Erwachsenenalter Menschen, vor allen Dingen Gleichbetroffene, zu begegnen, die mir geholfen haben, einen "guten" Weg zu finden, mit meiner Hörbehinderung und den durch sie gesetzten Grenzen umzugehen. Dazu gehörte auch, daß ich im Erwachsenenalter die LBG lernte. Somit kann ich jetzt zumindest innerhalb unseres Verbandes ungezwungen, entspannt und locker kommunizieren, ein Lebensrecht, das jeder guthörende Mensch alltäglich erleben darf.
Ich gehöre zu den frühschwerhörigen Menschen, deren Sendekanal unbeeinträchtigt ist. D.h. ich kann mich sprachlich, sowohl mündlich als auch schriftlich vertreten. Dies können viele frühschwerhörige Menschen nicht. Hospitationen und ein Praktikum in der Schwerhörigenschule sowie der Erfahrungsaustausch mit Betroffenen und Eltern im Rahmen meiner Verbandsarbeit zeigt und bestätigt mir leider in allzu drastischer Weise, wie sich fehlende Kommunikationsmöglichkeiten und -fähigkeiten auf die gesamte soziale Entwicklung eines frühschwerhörigen Menschen auswirken kann und wird. Nur wegen eines "oralistischen" Ideals wird an Konzepten festgehalten, die letztendlich den jungen schwerhörigen Menschen nur bezüglich seiner späteren Lebensmöglichkeiten und Berufschancen schaden und behindern.
Am Schluß möchte ich (noch einmal) betonen: Bitte verwechseln Sie bei der Diskussion um LBG an Schwerhörigenschulen nie, daß sich bei LBG hier um lautsprachbegleitende Gebärden handelt. D.h. Die Lautsprache steht an allererster Stelle. Damit sie aber z.T. erst verstanden werden kann, sollen visuelle Gebärdenzeichen das gesprochene Wort begleitend unterstützen! Die Gebärdenzeichen sind den Lexika der Deutschen Gebärdensprache entnommen. Wer sich mit dieser Sprache intensiver beschäftigt hat, wird wissen, daß der Großteil der Gebärden nichts anderes als natürliche Gestik in einer normierten Form ist. Demzufolge sind die LBG eigentlich nichts anderes, als daß Körpersprache und Gestik gezielter und einheitlicher zur gesprochenen Sprache eingesetzt wird.
Ich hoffe, daß mein Artikel ein wenig zu einer etwas objektiveren Sichtweise bezüglich des Einsatzes visueller Hilfen, speziell der der LBG, in der Erziehung frühschwerhöriger Kinder und Jugendlicher beitragen kann. LBG an Schwerhörigenschulen können durch das Schaffen einer gemeinsamen visuellen Basis zur Lautsprache erheblich dazu beitragen, daß
- Lerninhalte gezielt verstanden werden können,
- das soziale Gefüge unserer Gesellschaft mit seinen ungeschriebenen (Verhaltens-)Regeln mit ihren vielfältigen Möglichkeiten und Abstufungen, aber auch mit seinen Grenzen vom frühschwerhörigen Menschen betrachtet, verstanden und toleriert werden kann,
- diskriminierende Schranken bzw. Kommunikationsbegrenzungen, die schwerhörige Kinder durch ihre Behinderung naturgemäß erfahren, abgebaut werden, gar nicht erst entstehen oder in Form einer angemessenen Resignation toleriert werden können.
Birgit Weber


