Stellungnahme zu LautsprachBegleitenden Gebärden (LBG)
Unter LBG verstehen wir deutsche Lautsprache mit Mundabsehen plus Mimik und Gebärde. Gebärde umfaßt dabei Körpersprache, Pantomime und festgelegte Zeichen. Die festgelegten Zeichen werden dem Gebärdenlexikon der Gehörlosen entnommen.
Jede Behinderung hat ihre Grenzen. Die Schwerhörigkeit setzt kommunikative Grenzen, die selbst durch die beste Hörgeräteversorgung nicht überbrückt werden können. Der akustische Kanal ist und bleibt mehr oder weniger defekt. Das Zuhilfenehmen des visuellen Kanals in Form von Mundabsehen ergänzt zwar das unvollständig Gehörte, in der Praxis bleibt das Verstehen von Sprache meist unzureichend: "Streß durch unsichere Kommunikation" ist der ständige Begleiter eines Schwerhörigen. Die LBG sind für uns die einzige Möglichkeit, den visuellen Kanal zu sichern.
LBG bedeuten kein starres System mit streng ausgelegten Regeln, ihre Anwendung richtet sich nach den individuellen Bedürfnissen und dem Kenntnisstand der Betroffenen.
LBG ermöglichen eine schnellere und intensivere Kommunikation. Sie erleichtern den Austausch von Inhalten. Wissen kann schneller und konkreter erworben, komplizierte Inhalte brauchen nicht verkürzt oder weggelassen zu werden. Auch längere Sätze sind besser zu verstehen. Das Interesse an Kontakten und die Freude an Kommunikation wird gefördert, der Wortschatz erweitert und die Kommunikationsfähigkeit verbessert.
Besonders stark Schwerhörige neigen dazu, sich in die Isolation zurückzuziehen. Die Kommunikations- schwierigkeiten behindern die Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen, die das psychosoziale Leiden des Schwerhörigen begründen. Hier bieten gerade die LBG die Chance, ein hohes Maß an Lebensqualität zu erreichen:
- Die Kommunikation ist auch bei ungünstigen Bedingungen wie z.B. Lärm, großer Distanz, schlechten Lichtverhältnisse, abnehmender Konzentration und schlechtem Mundbild (z.B. bei mehrfachbehinderten Schwerhörigen) möglich.
- Die soziale Bindung in der Familie, im Freundeskreis und am Arbeitsplatz kann bei entsprechender Bereitschaft der guthörenden Bezugspersonen, die LBG zu erlernen, gefestigt werden.
- Durch LBG-Dolmetscher werden die Voraussetzungen für eine vollwertige Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen geschaffen bzw. das Interesse dafür geweckt.
Für die Förderung und Verbesserung der Jugendarbeit in unserem Verband sind LBG unerläßlich:
- LBG schaffen eine sichere Kommunikationsbasis - jeder kann jeden verstehen, gleichgültig ob er leicht bis an Taubheit grenzend schwerhörig, ertaubt oder guthörend ist.
- LBG verhindern die Bildung von Grüppchen Schwerhöriger mit unterschiedlichen Hörschädigungsgraden und fördern damit das Gemeinschaftsgefühl. Durch die sichere und entspannte Kommunikation in der Jugendgruppe findet der junge Schwerhörige zudem den Ausgleich vom "Streß durch unsichere Kommunikation".
- Die LBG als ein auf unsere Bedürfnisse zugeschnittenes Kommunikationssystem schaffen die Grundlagen für das Erleben von Gemeinschaft und für die Auseinandersetzung mit der Behinderung. So findet der junge Schwerhörige in der Jugendgruppe den Ort, der ihm bei seiner Identitätsfindung helfen und damit zur Entwicklung seiner Persönlichkeit beitragen kann.
Weimar, September 1993
Birgit Weber


