Unsere Kommunikationstaktik in den Seminaren und Tagungen
Die Kommunikationstaktik war für uns der erste Schritt zur Verbesserung der Gruppenkommunikation:
- So achteten wir darauf, daß gerade die Teilnehmer, die überwiegend auf das Mundabsehen angewiesen sind, die Fenster im Rücken haben, damit sie den Mund des Referenten bzw. Sprechers schattenfrei sehen können. Deshalb müssen sich alle Teilnehmer nach Hörstatus und kommunikativen Erfordernissen hinsetzen.
- Grundsätzlich werden die Sitzgelegenheiten in Hufform angeordnet.
- Jeder Wortbeitrag wird nur in der Öffnung des "Hufes" akzeptiert. Besonders am Anfang unserer Seminararbeit bekamen wir oft zu hören: "Wieso das denn?", "Ist doch viel zu umständlich, wenn jeder nach vorne gehen muß", "Ich möchte lieber auf meinem Platz sitzen bleiben", "Ich stehe ja auch auf, wenn ich etwas sagen möchte" etc. Die Notwendigkeit erklären wir immer wieder damit, daß sich dort das Mikrophon befindet und es noch störender ist, wenn es ständig hin- und her gereicht werden muß. Und, was noch viel entscheidender ist, weil diese Sprechposition die sichtgünstigste für alle Teilnehmer ist, insbesondere für diejenigen, die absehen müssen. Es erscheint zwar lästig; ist aber reine Gewohnheitssache und fördert in hervorragender Weise die Disziplin. So können z.B. Zwischenrufe nicht mehr wahrgenommen werden bzw. es wird nicht darauf eingegangen. (Nebenbei erwähnt bleibt so mancher "uninteressanter" Wortbeitrag auf der Strecke.)
- Die generelle Benutzung von Overhead-Projektoren oder Tafeln, zum Notieren von Stichworten und/oder Fragen, zum Aufschreiben schwieriger oder unbekannter Wörter zur Begriffserklärung etc. gehören zum Standard. Generell lautet die Devise: So viel wie möglich Einsatz von visuellen Hilfsmitteln.
Dennoch, selbst wenn alles stimmt, selbst wenn der Referent ein "begnadetes" Mundbild hat, selbst dann bleibt die Kommunikation für viele nach wie vor ein unsicheres Produkt.
Unsere Erfahrungen mit den lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG)
Gemäß unserer Erkenntnis, daß nur die LBG die sichere Verarbeitung der akustischen und visuellen Signale gewährleisten, wandten einige wenige von uns auf unseren Seminaren zusätzlich die LBG an oder setzten bewußter ihre Körpersprache ein. Und stießen auf großen Widerstand: "Ich kann doch gut verstehen", "Das stört mich so", "Wir können doch sprechen", "Ich bin doch nicht gehörlos!" waren die Gegenargumente. Auf unsere Frage, warum sie "das" stört, konnten sie keine konkreten Antworten geben. Wir ließen uns von den emotionalen Reaktionen nicht irritieren und sagten einfach, daß wir uns damit viel wohler fühlen.
Von Seminar zu Seminar konnten wir ein steigendes Interesse für unseren körpersprachlichen Ausdruck und die begleitenden Gesten zur gesprochenen Sprache beobachten. Einzelne Personen fragten interessiert nach den Bedeutungen bestimmter Gesten. Nun hakten wir nach, woher das "plötzliche" Interesse kam. Hier eine "stellvertretende" Antwort: "Das ist gar nicht mal so schlecht; ich verstehe nun irgendwie besser, was gesagt wird, und die Seminare sind nicht mehr so anstrengend".
Immer häufiger beteiligten sich zunehmend auch stärker Schwerhörige an den Diskussionen. Statt immer nur jeweils zwei bis drei und meist dieselben Personen Wortbeiträge lieferten, ging der Trend zur echten Gruppenkommunikation. Die LBG wurde neben der Technik immer mehr gefordert. Dieser Umstand ist besonders beachtlich, weil es auf eine Änderung der Selbstwahrnehmung bei gesteigertem Selbstbewußtsein hinweist. Wir ziehen daraus den Schluß, daß die jungen Schwerhörigen innerhalb der Seminare zum ersten Mal erfahren, daß sie vollwertiges Mitglied in einer Gruppe von Gleichbetroffenen sind. Galt bislang nur das Stigma der Frühschwerhörigkeit als verbindendes Element, ist es nun die gegenseitige Rücksichtnahme auf die individuellen Bedürfnisse. Dieses Erlebnis schaffte Selbsbewußtsein und Mut, die Einhaltung von ungeschriebenen Regeln zu fordern, damit sie an der Kommunikation teilhaben können. Ohne daß die Mitglieder konkret und direkt angeleitet wurden, haben sie die Kommunikationstaktik mehr oder weniger bewußt internalisiert.
Die Auswirkungen der Gruppenkommunikation auf das Individuum
Ein großer Teil der schwerhörigen Neulinge in unseren Seminaren sind am Anfang mehr oder weniger mißtrauisch und schüchtern. Sie trauen sich kaum, etwas zu sagen, geschweige denn Kontakte zu knüpfen. Im Laufe der Zeit fassen sie aufgrund des allmählich entstandenen Gemeinschaftsgefühl Zutrauen und blühen auf.
Besonders bemerken wir dieses Aufblühen bei den jungen Schwerhörigen, die eine sogenannte "schlechte" Sprache haben, d.h. die grammatikalisch unkorrekt sprechen und/oder über eine schlechte Aussprache verfügen. Hatten sie sich bislang nie getraut, etwas zu sagen, redeten sie nun drauflos, "wie ihnen der Schnabel gewachsen ist". Ohne irgendwelche Sanktionen befürchten zu müssen, erfahren diese Menschen in nie gekannter Weise, daß ihre "schlechte" Sprache bzw. Aussprache niemanden stört. Im Gegenteil: Es ist bei uns eine Grundregel, daß jeder etwas sagen kann. Einzelne werden sogar ermuntert, etwas zu sagen, werden freundlich, aber bestimmt aufgefordert weiter zu sprechen. Heute ist es schon ungeschriebenes pädagogisches Ziel, schwächere Personen zu motivieren, Ergebnisse von Arbeitsgruppen "vorne" vorzutragen. Und siehe da, es geht. Wenn sie ins Stocken geraten, wird ihnen geholfen, aber so, daß sie es nicht als Abwertung ihrer Leistung empfinden. Ihre Selbstüberwindung wird im Anschluß mit einem extra Applaus belohnt. Sie bekommen Mut zur Kommunikation und werden immer redefreudiger. Die funktionierende Gruppenkommunikation, die das Gefühl der Solidarität gefördert hat, weckte das Vertrauen zu anderen und letztlich in ihre eigenen Fähigkeiten. Mit Erstaunen stellen wir fest, wieviel Intelligenz und Selbstbewußtsein in diesen ehemaligen Mauerblümchen doch stecken.
Fazit
Das Beispiel Bundesjugend zeigt, daß erfolgreiche Gruppenkommunikation für Frühschwerhörige möglich ist. Allerdings müssen grundsätzliche Voraussetzungen wie Hör- und Kommunikationstaktik erst einmal erkannt, erlernt und angewandt werden. Besonders hervorzuheben ist die "Versicherung" der Kommunikation, die LBG, ohne die die akustisch-visuelle Wahrnehmung des Schwerhörigen gestört bleibt.
Die rein lautsprachliche Förderung innerhalb der Früherziehung und schulischen Ausbildung führt eher, wie Dr. Paul Heeg plastisch aufgezeigt hat, zu einer rigiden Konzentration auf den Dialog. Es entsteht eine kommunikative Kluft zwischen dem Frühschwerhörigen und seiner Umwelt. Er lebt in eine behinderte Welt hinein, in der Kommunikation nur einen geringen Stellenwert hat und seine Unfähigkeit zur Gruppenkommunikation zur Erlebnisnorm wird.
Die Schwerhörigenpädagogik muß sich dieser von nun erwachsenen frühschwerhörigen Menschen erlebten Realität stellen und nach neuen Erziehungskonzepten suchen, die diese Lebenswirklichkeit berücksichtigt. Eine neue Schwerhörigenpädagogik macht somit nur dann Sinn, wenn sie mit Betroffenen gemeinsam gestaltet wird. Die Bundesjugend würde sich gern dieser Herausforderung stellen.
Joachim Müller
Birgit Weber
Literaturverzeichnis
Müller, Joachim; "Zusatzgeräte zum Hörgerät - begrenzte, aber notwendige Hilfen für hochgradig Schwerhörige und Resthörige". In: Technik gut, alles gut? Tagungsbericht 1992, Hrsg.: Bundesgemeinschaft der Eltern und Freunde hörgeschädigter Kinder e.V.
Müller, Joachim und Dr. Heeg,Paul: "Schwerhörige und Gebärden". Referate und Diskussionsbeiträge der gleichnamigen Arbeitsgruppe 6 auf dem Kongreß zur Zweisprachigkeit Gehörloser in Hamburg, 14.-17.10.1993, Hrsg: Bundesjugend im Deutschen Schwerhörigenbund e.V.
Müller, Joachim/Weber, Birgit; "Die Jugendarbeit im DSB". In: "hörgeschädigte kinder" 1/1991. Hrsg: Verlag hörgeschädigte kinder
Weber, Birgit; "Soziale Probleme schwerhöriger Jugendlicher aus der Sicht und Erfahrung Betroffener"; Referat zur Arbeitstagung der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Gehörlosen und Schwerhörigen e.V., Nov. 1994. Veröffentlichung voraussichtlich in 1/95 "hörgeschädigte kinder". Hrsg: Verlag hörgeschädigte kinder Hamburg
Dieser Artikel wird im Heft 1/1995 des "dfgs forum" veröffentlicht. Hrsg.: Deutscher Fachverband für Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik (Stand: Februar 1995)


