Studium

Nachteilsausgleich im Studium – Begründung
Prof. Lindner, ehem. Lehrstuhlinhaber für Phonetik an der Humboldt-Universität in Berlin, wurde vom Behindertenbeauftragten der Bundesregierung gebeten, eine Denkschrift zur Situation Hörgeschädigter beim Studium zu verfassen. Die Schrift führt folgende Gründe für eine Prüfungszeitverlängerung an:

  1. Der Sprachauf und -ausbau verläuft bei Hörbehinderten nicht automatisch, sondern er erfordert große zusätzliche Anstrengungen, die von der Schule und darüber hinaus von jedem einzelnen zu leisten sind.
  2. Erschwert wird dieser lebenslange Prozess durch die zahlreichen Mehrdeutigkeiten im Deutschen und durch den umfangreichen Wortschatz von mind. 30000 Wörtern, über den ein durchschnittlicher Student verfügt.
  3. Sprachproduktion erfordert bei Hörbehinderten im Vergleich zu Hörenden zusätzliche Reflexion über Sprache, d.h. sie haben einen erhöhten Zeitbedarf.
  4. Bei der Bewertung von schriftlichen Prüfungsaufgaben wird auch die sprachliche Bewältigung berücksichtigt, eine Prüfungszeitverlängerung ist deshalb gerechtfertigt.

Die Denkschrift schließt mit den Worten:
„Wer dem Hörgeschädigten die Zeit für zusätzliche Denkvorgänge verweigert, beweist damit nur, daß er weder über einen Einblick in die Besonderheiten der deutschen Sprache verfügt, noch sich je bemüht hat, sich mit den Schwierigkeiten der künstlichen Sprachanbildung auseinanderzusetzen.“

Prof. Lindner argumentiert hier aus der Perspektive eines Sprachwissenschaftlers und Hörgeschädigtenpädagogen. Seine Aussagen lassen sich weiter stützen durch Erkenntnisse aus dem Bereich der Neurophysiologie. Vor allem US-amerikanische Studien weisen sog. „kritische Perioden“ in der kindlichen Sprachentwicklung nach. Das sind Zeitabschnitte, in denen qualitativ unterschiedene Bereiche des Sprachvermögens sukzessive ausgebaut werden. Man nimmt drei Perioden des Sprachlernens an:

  1. Periode Diskrimination von Phonemen bis zum ersten Lebensjahr;
  2. Periode semantische Organisation um das 4. Lebensjahr;
  3. Periode syntaktische Entwicklung bis zum 15. Jahr;

Eine Beeinträchtigung des Hörens während einer dieser kritischen Perioden (v.a. während der ersten Periode) kann eine Beeinträchtigung der Sprachkompetenz zur Konsequenz haben. In medizinischen Forschungsberichten werden negative Auswirkungen frühkindlicher Mittelohrentzündungen auf die Sprachentwicklung von Schulkindern nachwiesen.

Wenn schon eine nur vorübergehende Hörstörung solche Konsequenzen hat, um wieviel mehr muss sich eine dauerhafte Hörbehinderung auf die Entfaltung der Sprachkompetenz auswirken!

Quelle: http://www.best-news.de/?begruendung_studium

 

Rechtliche Grundlagen
Das im Grundgesetzes verbriefte Recht, „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ (GG Art.3, Absatz 3, Satz 3) erhält durch das neue Sozialgesetzbuch IX und das Gleichstellungsgesetz wichtige Konkretisierungen für Menschen mit (Hör-)Behinderung in Ausbildung und Studium.
Wichtigste Änderung ist die in Art. 1 § 6 des Gleichstellungsgesetzes vollzogene Anerkennung der Gebärdensprache als eigenständige Sprache.

Das Berufsbildungsgesetz wird mit laut Artikel 41 des SGB IX ergänzt um § 48a:

㤠48a Berufsausbildung in anerkannten Ausbildungsberufen

(1) Regelungen nach den §§ 41 und 44 sollen die besonderen Verhältnisse behinderter Menschen berücksichtigen. Dies gilt insbesondere für die zeitliche und sachliche Gliederung der Ausbildung, die Dauer von Prüfungszeiten, die Zulassung von Hilfsmitteln und die Inanspruchnahme von Hilfeleistungen Dritter wie Gebärdensprachdolmetscher für hörbehinderte Menschen.“

Und nach Art. 28.2 des Gleichstellungsgesetzes wird § 16 des Hochschulrahmengesetzes wie folgt geändert:
Nach Satz 3 wird folgender Satz eingefügt:
„Prüfungsordnungen müssen die besonderen Belange behinderter Studierender zur Wahrung ihrer Chancengleichheit berücksichtigen.“

Mit beiden Gesetzesnovellierungen ist der rechtliche Rahmen dafür geschaffen, dass behinderte Studierende und Auszubildende einen Anspruch auf eine adäquate Modifikation ihrer Prüfungen geltend machen können. Dies können sie u.E. auch dann, wenn noch keine entsprechenden Landesgesetze verabschiedet wurden und in den Ausbildungs- und Prüfungsordnungen der Hochschulen diese Gesetzesvorgaben noch nicht umgesetzt wurden.

Quelle: http://www.best-news.de/?stud_regelungen

 

Auf was habe ich als Hörgeschädigter konkret Anspruch?
  • schriftliche Ergänzungen mündlicher Prüfungen
  • Zeitverlängerung für Hausarbeiten, Klausuren etc.
  • Abänderung von Praktikumsbestimmungen
  • Einsatz von Gebärdensprachdolmetschern

Quelle: http://www.best-news.de/?stud_regelungen

Die Uni Hamburg hat dies noch ein wenig detaillierter formuliert:

  • Anwesenheit von Gebärdensprachdolmetscher/innen bei schriftlichen Prüfungen, die etwaige Mitteilungen der aufsichtsführenden Personen sowie Rück- oder Verständnisfragen übersetzen können
  • Einsatz von Gebärdensprachdolmetscher/innen bei mündlichen Prüfungen.
  • Verlängerung der Bearbeitungszeit zeitabhängiger Studien- und Prüfungsleistungen (z. B. Klausuren, Haus- oder Diplomarbeiten)
  • Mitbestimmungsmöglichkeit der/des Studierenden bei der Festlegung von Prüfungstermine (damit z. B. auch die vom Studierenden präferierten Gebärdensprachdolmetscher/innen eingesetzt werden können)
  • Erbringen von Studien- und Prüfungsleistungen in einer anderen als der vorgesehenen Form, z.B. Ersatz von mündlichen durch schriftliche Leistungen, Einzel- statt Gruppenprüfung
  • Durchführung der Prüfung in einem gesonderten Raum
  • Veränderung des Gesamtzeitraums, in dem bestimmte Studien- und Prüfungsleistungen zu erbringen sind
  • Berücksichtigung der studienzeitverlängernden Wirkungen einer Hörschädigung bei der Gewährung so genannter „Freiversuche“

Es lassen sich auf der Homepage der Uni Hamburg ausserdem noch spezielle Infomaterialien finden.
Es sollte aber beachtet werden, dass diese Regelungen unter Umständen nur in Hamburg gelten! Dennoch darf jedoch davon ausgegangen werden, dass diese Bestimmungen denen in anderen Bundesländern zu weiten Teilen entsprechen.

Quelle u.a.: http://www.uni-hamburg.de/studieren-mit-behinderung/beratung/nachteilsausgleiche.pdf

 

Wie beantrage ich einen Nachteilsausgleich?
Das kann so pauschal nicht beantwortet werden, da das Beantragen von Hochschule zu Hochschule verschieden ist. Sehr häufig kann einem aber schon die Homepage der Universität oder der „Behindertenbeauftragte“ (sofern denn vorhanden) weiterhelfen.
In der Regel können (und sollten) die entsprechenden Anträge, gleich zu Beginn des Studiums beim Prüfungsamt eingereicht werden. Diese besitzen dann über die gesamte Studiendauer hinweg Gültigkeit. Der formlose Antrag sollte mit einer ärztlichen Bescheinigung über Art und Schwere der Hörbehinderung und evtl. mit einer pädagogischen Stellungnahme zur Begründung der Maßnahme eingereicht werden.

 

Stipendien von Stiftungen
Es existieren eine Vielzahl von Stiftungen in Deutschland, welche zur Finanzierung des Studiums herangezogen werden können.
Für Hörgeschädigte sind insbesondere interessant:

  • Dr.-Willy-Reblein-Stiftung
    Bauvereinstraße 10
    90489 Nürnberg
    Diese Stiftung vergibt an behinderte Studierende bei Nachweis der Bedürftigkeit Zuschüsse zur Finanzierung von sachlichen oder personellen Hilfen.
  • Stiftung zur Förderung körperbehinderter Hochbegabter
    Buchenweg 1
    9490 Vaduz
    Fax: +42 32331624
    Diese Stiftung fördert Hochbegabte mit Leistungsstipendien während des Studiums und bei Promotionsvorhaben.
  • Johann und Liselotte Lehner Stiftung in Nürnberg
    [Nur für Nürnberger]
    Nürnberg, Städtische Stipendienstiftungen
    Stiftungsverwaltung
    Theresienstr.1, 3.Stock, Zimmer 360
    Stiftung speziell für Hörgeschädigte, aber nur für Einwohner Nürnbergs, die nicht erst für das Studium zugezogen sind

Weitere Infos (insbesondere zu den jeweiligen Voraussetzungen und Formalitäten) gibts beim Stiftungsindex.

Quellen und weiterführende Infos: